Auszug aus „Neulich im Geißbockheim – HISTORY“

Die folgende Geschichte (und viele andere, wo z.B. ein Großteil der Häßler-Millionen hin sind oder Daums Tagebuch) findet man im Satire-Buch „Neulich im Geißbockheim – HISTORY“ (hier mehr).

Von Magnus Brücken

Am 4.9.1993 verlor der 1.FC Köln sein Bundesligaspiel beim rheinischen Rivalen Bayer Leverkusen mit 2:1. Ärgerlich an der Niederlage war insbesondere die Rote Karte für Kölns Sturm-Idol Toni Polster, der dann auch anschließend vom DFB-Schiedsgericht für gleich acht Wochen gesperrt wurde.

So lange wollte der FC nicht auf seinen wichtigsten Mann verzichten, daher versuchte man mit aller Macht, die Sperre zu verhindern oder wenigstens die Laufzeit zu minimieren. Mit großer Akribie stellte ein Mitarbeiter im Geißbockheim eine Video-Kasette mit der Aufzeichnung des Spiels zusammen, die Aufnahmen sollten beweisen, dass die Rote Karte unberechtigt war.

Am entscheidenden Tag machten sich Toni Polster und Geschäftsführer Wolfgang Schänzler auf den Weg nach Frankfurt, um sich dort dem strengen DFB-Schiedsgericht zu stellen. Im Gepäck, ein VHS Videoband, welches Schänzler schnell noch vom Schreibtisch des Präsidenten, Klaus Hartmann, mitnahm.

Uns liegt nun ein Dokument vor, in dem Präsident Klaus Hartmann, Manager Bernd Cullmann (hatte zum 1. September 93 sein Amt angetreten) und U23-Trainer Stephan Engels auf die Rückkehr von Polster und Schänzler warteten … die dann auch kurz darauf eintrafen. Die Abschrift der Dialoge können Sie hier nun einsehen:

Hartmann: Na, da bin ich aber mal jespannt, wat bei der Sache in Frankfurt heute erausjekommen is.

Cullmann: Der DFB is normalerweise nit sehr kulant. Da muss man schon wirklich jutes Material präsentieren …

Engels: Dat is ja jar kein Problem, mer han supper Mitschnitte zesammejestellt … isch han dann däm Praktiker och jezeischt, wie mer dat machen tut.

Cullmann: Du meinst, dem Praktikanten, Steff!

Engels: Stimmp, dat iss ene rischtije Kante! Locker 1,95 jroß un Muskele, dat mer Angs krieje kann …

Hartmann: Wie auch immer, jedenfalls wäre schon eine Reduzierung der Strafe wichtich. Den Polster, den brauchen wir, der is uns Lebensversicherung.

Cullmann: Hoffen wir das Beste.

Hartmann: Was ist das eigentlich noch für ein Videoband, was hier bei mir noch auf dem Schreibtisch liegt, … kann mir das einer beantworten?

Engels: Dat mööt dat Band sin, wat isch mir für minge Herrenabend mit aahle Kumpels us Mondörp zesammejestellt han. Dä Praktikant un isch, han dat alles in einem Rötsch jemaat. Eets das wischtije Band für dä DeEffBee, dann dat Band mit dä Mussik.

Hartmann (liest vom Aufkleber auf der VHS) : Bläck Fööss, King Size Dick un andere kölsche Kracher …. Na gut, das Schänzler nicht versehentlich DAS hier mitgenommen hat.

Cullmann: Daran möchte ich noch nit einmal denken. Was wäre DAS für eine Blamaasch, wenn da das Bläck Fööss-Video laufen würde.

Engels: Wieso, … iss doch schöön?

Hartmann: Ach, Herr Engels. Wir haben ja noch etwas Zeit, wären Sie so nett, das Band einmal einzulegen. Wir können uns ja die Wartezeit mit etwas Musik vertreiben  …

Engels: Klar, mach isch …

Engels geht zum Videorekorder, der direkt unter dem Fernseher im Präsidentenbüro steht und legt das Band ein, schaltet den Fernseher in den On-Betrieb und wartet darauf, das die Musik los geht.

Engels: Aanfange mööt et mit „Et Spanien-Leed“ .. Spanien .. Olé, … jetz jeiht et av!

Anstatt der Bläck Fööss erscheint aber niemand anderes als Toni Polster, der Paulo Sergio umnietet und dafür Rot kassiert. In mehreren Wiederholungen wird gezeigt, dass dieses Foul wohl nicht so schlimm war. Von den Bläck Fööss oder King Size Dick jedoch keine Spur … es herrscht lastende Stille im Büro des Präsidenten. Cullmann findet seine Sprache als erster, wenn auch mühsam, wieder …

Cullmann: Leute, denkt ihr auch, was ich gerade denke … ?

Engels: Isch denk jenau, wat du im Momang denks, Bernd. NIEMALS wor dat ROT! Wenn mer jemein is, dann wor et maximal jelb. Der Schiri Hans-Peter Best wor schon immer jejen uns, und he kann mer eindeutisch sinn, datt ….

Cullmann: Steeeefff … sach mal, merkste noch wat? Dat iss dat falsche Band!!!

Engels: Enää, is doch rischtisch … wenn dat die Kommission in Franfurt sieht …. (stockt) … ach du leeven Jott, wie künne die dat üvverhaup sinn, wenn mir dat he sinn …?

Cullmann: Oh Jott, Oh Jott, … un dat direkt am Anfang meiner Manager-Karriere, dat bleibt ewisch an mir haften.

Hartmann: Langsam, … sind Sie alle sicher, dass Schänzler nun das Bläck Föss-Video mitgenommen hat? Vielleicht sind ja auch zwei Bänder mit Entlastungsmaterial angefertigt worden.

Engels: Enää. Isch wor ja dobei … un isch han wohl die Aufkleber vertauscht. Oder die Bänder? Oder beides? Och nee … wat machen isch dann jetz? Isch han minge Mondörper doch versproche, dat mir dat Bläck Fööss-Videlio gucke dunn …

Bevor Cullmann Engels zurechtweisen kann, hört man deutlich Gesang aus dem Treppenhaus … man erkennt tatsächlich das Spanien-Lied der Bläck Fööss, gesungen von deutlich angetrunkenen Männern … die Tür öffnet sich, zu erkennen sind DFB-Chefankläger Horst Hilpert sowie seine Mitarbeiter des Kontrollausschusses Hans Müller und Fritz Schneider. Dahinter erscheinen auch Toni Polster und Wolfgang Schänzler im Türrahmen.

Die drei hochrangigen DFB-Mitarbeiter singen …

„Ne, ne Marie … is dat nit schöön, üverall nur kölsche Tön … ne he süüht et wirklich uss, wie bei uns zuhuss …“

Hartmann: Was ist denn hier los? Meine Herren, ich muss doch sehr bitten …

Toni Polster: I konn dös alls erklörn … Herr Preesideent!

„Schpanien, Olé …“  schreien die drei DFB-Mitarbeiter.

Schänzler: Es is wohl besser, wenn ich die drei Herren zu unserem Restaurant Geißbockheim bringe, da können sie noch einen zu sich nehmen und Toni erklärt inzwischen alles!

Hilpert: Hicks, Jawoll, … wir trinken noch einen. … Drink doch eene mit, stell disch nit esu aaan, du stehst he die janze Zick erööm … wo müssen mer lang?

Schänzler: Einfach mir hinterher, der eine pack den anderen an der Schulter, un loss jeht et: „Hier fliejen jleisch, die Roten Karten aus der Tasche … und Schiii – r – i Beeeest, dat iss ne Flasche, dat weiß janz Wuppertaaaal …“

Polonäsetanzend und singend verlässt die Gruppe das Präsidentenbüro und hinterlässt lauter fragende Gesichter. Man hört die Gruppe noch weiter singen, dann lautes Gepolter, da ist wohl einer die Treppe herunter gefallen, aber ein „nix passiiiert“ beruhigt die Gruppe um Präsident Hartmann, der nun Erklärungen fordert:

Hartmann: Herr Polster, Sie sind uns eine Erklärung schuldig. Wir hören …

Polster: Jo, wir hott´n dös falsche Bandel bei uns, und als dös dann im Feernseher lief, do wurd mir un dem Scheeenzler ganz anders … dör Hilpert woar zunächst ganz schön bös´ …

Cullmann: Und dann … ?

Polster: Nu, wir haben in der Not erklörn müssn, des wir schon auf unserem Proteest verzichtet hob´n und stattdeessen unsere rheinsche Oart präsentieren wollt´n. Dazu ist dem Scheenzler oig´gfallen, dös er noch a Fasserl bayrisches Starkbier vom Kloster Andechs im Koofferraum hatte. Dös hob´n wir geholt und den Heerrschaft´n ols „Schwarzkölsch“ ongebod´n.

Engels: Schwarzkölsch? Süch ens aan, isch wußt ja nit, dat et esujet jibt.

Cullmann: Jibt et auch nit, Steff. Das war ne Notlüge von unseren Helden hier. Toni, gar nicht schlecht reagiert. Aber warum sind die Kameraden so stramm? Haben die nach einem mal probieren Jeschmack an der Sache jefunden?

Polster: Und wie! De hobn nach wenign Schluckn schon de Hackn dicht und warn schnell total betrunkn. Starkbier holt … de woitn nur nippn, aba aus dem nippn wurdn schnell kippn.

Engels: Un warum habt ihr die mitgebracht?

Polster: Die hobn uns mit hier hin gebracht. Nachdem sie mit uns die gonzen kölschn Lieder vom Band mitgesung´n hobn, hattn´s nur noch dön oinen Gedankn. Ob ins gelobte Land und Köln live erlebn. Da konntn wir gar nichts gög´n mochn.

Engels: Ja, un watt maachen mer jetz mit dä drei Tünnesse? Esu voll wie die sin, kann mer die doch nit allein looße …?

Polster: I würd ja mit dön Heerschaft´n in die Innenstodt fohrn, um dönen Köln zu zeigen … soll i dös moch´n, Heerr Preessideent?

Hartmann: Tun Sie das, Herr Polster. Nehmen Sie sich ein Taxi und führen Sie die Herren in die Stadt ein. Aber bitte nur seriöse Etablissements. Nicht, das der FC noch Ärger bekommt … und wir gehen jetzt alle in das Restaurant Geißbockheim, um den Herren die Wartezeit auf das Taxi zu verkürzen und es ihnen so angenehm wie möglich zu machen …

Alle verließen den Raum, die Dokumentation endete hier. Aber EXZESS liegt ein weiteres Dokument vor, welches sich auf dieses Meeting bezieht und welches die Folgen dieser Geschichte auflistet.

Machen Sie sich auf eine Sensation gefasst! EXZESS präsentiert den Original-Brief des DFB:

An den

1.FC Köln

Franz-Kremer-Allee 1

50937 Köln

Sehr geehrte Damen und Herren,

das DFB-Schiedsgericht verpflichtet den 1.FC Köln hiermit verbindlich zu einer Strafzahlung von 1,5 Millionen DM. Die Zahlung muss bis zum 31.10.1993 auf dem Konto des Deutschen Fußball-Bundes geleistet werden. Die Kontonummern entnehmen Sie dem Briefkopf. Gegen dieses Urteil kann nicht Einspruch erhoben werden:

Begründung:

Durch die von Ihren Mitarbeitern Anton Polster (Lizenzspieler) und Wolfgang Schänzler (Geschäftsführer) herbeigeführte Aktion, den DFB-Mitarbeiter Horst Hilpert sowie seine Mitarbeitern im Kontrollausschuss, Hans Müller und Fritz Schneider beträchtliche Mengen hochprozentigen Alkohol zugeführt zu haben, hat sich der Verein im hohen Maße strafbar gemacht.

Erschwerend hinzu kommt der Tatbestand der Entführung, die auf  einer durch Ihre Mitarbeiter zu verantwortende Unzurechnungsfähigkeit basierte. Die drei Herren nach Köln zu verschleppen, ist eine nicht zu billigende Tat, die sich strafsteigernd ausgewirkt hat.

Ebenfalls im Strafmaß inbegriffen, ist der weitere Verlauf des Abends, als Ihr Mitarbeiter Anton Polster die drei Herren des DFB auf der Bühne eines Kölner Lokals der Lächerlichkeit preisgab und sie in ihrem bedauernswerten Zustand mit der Gruppe „Die fabulösen Thekenschlampen“ zusammenführte. Durch den gemeinsamen Gesang mit diesen Damen, vor dem ausverkauften Hause, wurde die Würde unserer hochrangigen Mitarbeiter ein weiteres Mal verletzt. Erst recht, als Herr Hilpert, von Drogen gezeichnet, begann, zu einem Strip anzusetzen. Spätestens hier hat Herr Polster ein weiteres Mal seine Aufsichtspflicht verletzt. Anstatt „Zugabe, Zugabe“ zu rufen, hätte Ihr Mitarbeiter einschreiten und die weitere Peinlichkeit verhindern müssen.

Es hätte auch zu ihren Pflichten gehört, unseren Mitarbeitern eine  Schlafstätte zukommen zu lassen. Es war auch nicht in Ordnung, dass niemand aus Ihrem Verein sich dazu herablassen konnte, unseren Kollegen vor dem Zugriff der Polizei zu schützen. Es hätte unbedingt verhindert werden müssen, dass unsere Mitarbeiter sich der Festnahme mit Tritten, Bissen und Karateschlägen widersetzen. Auch die Nacht in der Ausnüchterungszelle und die darauf folgende Anklage hätte verhindert werden können, wenn Ihre Mitarbeiter nicht Beifall klatschend daneben gestanden hätten.

Auch der moralische Schaden, der angerichtet wurde, ist berücksichtig worden. Durch diese Nacht sind unsere Mitarbeiter Köln-traumatisiert. Natürlich soll das nicht heißen, dass wir nun für alle Zeiten Ihnen nicht genehme Schiedsrichter zuführen oder Proteste Ihrerseits anders behandeln. Dennoch dürften bei vielen Mitarbeitern des DFB gemischte Gefühle hochkommen, wenn Sie den Begriff „1.FC Köln“ hören.

Wie Sie erkennen können, ist das Strafmaß sicher nicht zu hoch gegriffen. Wir weisen darauf hin, dass es Ihnen für eine Laufzeit von 20 Jahren nicht erlaubt ist, diesen Vorfall öffentlich zu machen. Sollte dies geschehen, wird dem 1.FC Köln unweigerlich die Lizenz entzogen!

Wir hoffen, in Ihrem Sinne, dass so etwas  nie wieder geschieht. Dennoch verbleiben wir

Hochachtungsvoll

DFB-Zentrale Frankfurt am Main

Präsident / Egidius Braun

PS: Siehe Anlage, persönlicher Kurzbrief des Präsidenten (nicht dokumentiert und archiviert)

Kurzbrief:  Sportskameraden des FC, wie ihr wisst, war ich von 83-87 selbst im Verwaltungsrat beim FC. Ohne mich hätten die euch hier im DFB den Laden dicht gemacht. Hier waren wirklich alle ziemlich böse und sauer und sie sind es noch.

Dennoch, und ganz unter uns: Ich habe mich kaputtgelacht, als ich das mit Hilpert erfahren habe … seit Tagen kann ich vor lauter Lachen kaum schlafen und muss mich bei Besprechungen mit Hilpert manchmal in den Arm kneifen, damit ich nicht losbrülle … seinen Strip hätte ich zu gerne gesehen. Zugabe, Zugabe …

Ihr seid alle herrlisch bekloppt!

Euer Egidius

Damit ist nun auch die wahre Geschichte hinter der Geschichte um Toni Polsters Rote Karte und die launige Bläck Fööss-Video – Legende in ein anderes Licht gerückt worden. Fast hätte der 1. FC Köln seine Lizenz verloren.

Schlimm genug, dass es zu der empfindlichen Geldstrafe gekommen ist. Denn der Verein war seinerzeit finanziell nicht gut aufgestellt und konnte daraufhin keine guten Spieler verpflichten. Somit war auch dieser Tag einer, der die Historie des 1.FC Köln nachhaltig verändert hat!

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